Tagebuch aus Kiew, 19. März – „Ich bin mir sicher, dass auch die ukrainischen Nachrichten viel verschweigen“: Die Verwandten des Hamburgers Anton Brushkivskyy hielten bis 6. März in Kiew aus. Dann flohen sie aufs Land. Anton berichtet, wie es ihnen geht.
Anton Brushkivskyy ist in der Ukraine geboren, arbeitet als Anlageberater in Hamburg und ist Mitglied des Berliner Fanklubs des FC Barcelona. Anton steht mit Verwandten und Freunden in der Region Kiew in ständigem Kontakt über die Messengerdienste WhatsApp und Telegram.
Einzige Bedingung: der Name des Vororts von Kiew solle nicht genannt werden, damit russische Stellen, die womöglich auch die Website der Zeitung lesen, keine Erkenntnisse über Positionen ukrainischer Soldaten in der Umgebung der Hauptstadt erhalten. Darum bittet Anton auch nach der Flucht der Familie in Richtung Südwesten. Die kleine Ortschaft, in der die Verwandten jetzt bei Freunden leben, soll ebenfalls nicht namentlich genannt werden.
Haben Deine Verwandten den Eindruck, dass sie von der ukrainischen Regierung realistische Informationen bekommen oder zum Teil auch Propaganda? Freitag, 18. März: Anton, die russischen Truppen kommen beim Vormarsch auf Kiew nur langsam voran. Überlegen Deine Verwandten, in ihren Vorort zurückzukehren?
Versucht Deine Cousine Aljona, ihre Kinder Viktoria und Roman ein wenig als Ersatz für die Schule zu unterrichten? Oder machen das vielleicht die anderen Erwachsenen? Hier in Deutschland versuche ich, ankommenden Flüchtlingen zu helfen. Das ist etwas, wo ich wirklich was tun kann, da ich ukrainisch und russisch spreche."
Dazu hat die Familie eine klare Haltung. Evgenij schreibt,"wir denken, dass die Ukraine souverän ist. Das Land entscheidet selbst, was es sein will. Und wir haben niemanden hergebeten, um uns Land wegzunehmen. Die Krim und der Donbass, das ist alles ukrainisch. Wir geben uns Land nicht her."Evgenij berichtet, dass auch hier Raketenbeschuss zu hören ist. Aber nicht so stark wie in Kiew. Aber man weiß natürlich nie, wo eine Rakete einschlagen kann.
Für mich und Anastasia ist es natürlich ebenfalls anstrengend. Wir haben nach der Arbeit nur ein Gesprächsthema: den Krieg. Außerdem habe ich mich jetzt für mehrere Tage als Dolmetscher gemeldet. Am Samstag bin ich in Hamburg bei der Kleiderspende für ukrainische Flüchtlinge, nächste Woche von Montag bis Mittwoch bei der Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge. Das mache ich dann abends nach meinem Job.
Evgenij spricht manchmal von"russischen Faschisten". Meint er damit alle Russen oder nur die russischen Soldaten, die jetzt die Ukraine angreifen und Kriegsverbrechen verüben? Wie ist die Situation aktuell in dem Dorf, in das sich Deine Familie geflüchtet hat? Gab es wieder Explosionen? Dienstag, 15. März:Anton, was halten Deine Verwandten in der Ukraine davon, dass Präsident Wolodymyr Selenskyj auf ein Treffen mit Putin dringt?
Was meinen Deine Verwandten, wie eine Rückkehr zum Frieden in der Ukraine möglich wäre? Wer hätte die Macht, das zu bewirken? Putin spricht immer davon, die Ukraine müsse"entnazifiziert" werden. Präsident Selenskyj ist allerdings jüdischer Herkunft. Trotzdem die Frage: welche Bedeutung haben ukrainische Nationalisten, wie beispielsweise das Asow-Regiment, das offenbar in Mariupol gegen die russischen Truppen kämpft?
Welche Kontakte haben Du und Deine Frau Anastasia zu ukrainischen Flüchtlingen, die nach Hamburg kommen? In der kleinen Ortschaft 120 Kilometer südwestlich von Kiew, in die Deine Verwandten geflohensind, werden sie ja nicht arbeiten können. Haben sie trotzdem noch genug Geld? Die russischen Truppen haben am Wochenende auch Ziele in der westlichen Ukraine beschossen. Getroffen wurde selbst Lwiw , das bislang als sicher galt. Wie reagieren Deine Verwandten darauf? Spricht die Familie darüber, doch nach Polen und Deutschland zu fahren?
Am Sonntag haben auch in Hamburg wieder tausende Menschen gegen den Krieg demonstriert. Waren Du und Anastasia auch diesmal dabei? Wie fühlen sich Deine Verwandten nach der ersten Woche in der kleinen Ortschaft, in die sie vergangenen Sonntag geflohen sind? Russische Soldaten und ihre Handlungen sind vorhersehbar. Ebenfalls die Handlungen der russischen Regierung. Es wurde schon früh darüber berichtet, dass die russischen Faschisten versuchen werden, uns zu provozieren. Jetzt sieht man das an dem Beschuss von Raketen von unserem Territorium in Richtung Belarus.
Andererseits sind die schrecklichen Bilder aus dem belagerten Mariupol, wo die russischen Soldaten sogar eine Kinderklinik beschossen haben, für uns sehr frustrierend. Wir fragen uns, wie lange die Menschen in der Ukraine dieses Leid noch ertragen können. Hoffentlich geht Russland bald das Geld aus für den Krieg.
Was machen Viktoria und Roman, die Kinder Deiner Cousine Aljona? Gibt es für sie eine Möglichkeit, in der kleinen Ortschaft eine Schule zu besuchen? Was hältst Du davon, dass Freiwillige, auch aus Deutschland, in die Ukraine fahren, um dort zu kämpfen? Hast Du Dich schon früher mit dem schwelenden Konflikt zwischen Russland und der Ukraine beschäftigt?
Wie waren der Mittwoch und die Nacht zu Donnerstag in der kleinen Ortschaft, in die Deine Verwandten am Sonntag geflüchtet sind? Evgenij schreibt,"unsere Nachbarn schauen nach unserem Haus. Sie berichten, dass sich im Ort nicht viel verändert hat. Man hört weiterhin den Raketenbeschuss." Evgenij sagt,"wir unterstützen ihn. Man sieht, wie er sehr er leidet. Wie jeder Ukrainer. Doch jeder glaubt an ihn."Evgenij berichtet,"die Nacht und der Tag gestern waren in unserer kleinen Ortschaft ruhig. Wir haben am Abend sogar eine traditionelle Suppe am Lagerfeuer gekocht. Mit den Bekannten meines Vaters sind wir hier elf Leute. Es geht uns allen relativ gut."Die Kinder vermissen ihr Zuhause sehr.
Meine Verwandten leben bei Anatolijs Bekannten in einem großen Haus, ringsum sind Bauernhöfe und Felder. In der Nähe ist ein Supermarkt, da geht Evgenij heute hin und schaut, was es gibt. Im Moment haben sie Essen und Trinken für fünf Tage. Außerdem haben meine Verwandte Ersparnisse, sie können eine Zeitlang durchhalten.Sie waren erst unglücklich, weil sie nicht mehr im ihren Haus in dem Vorort bei Kiew sind. Aber jetzt geht es ihnen besser.
Sonntag, 6. März, am Mittag:Es ging nun doch nicht mehr. Antons Verwandte fliehen bis auf Viktor, den Mann von Antons Cousine, aus dem Vorort von Kiew in Richtung Südwesten."Sie sind nach dem Ende der Ausgangssperre heute morgen um acht Uhr mit ihren Autos losgefahren", sagt Anton. Wo will die Familie jetzt hin?Anton sagt, die Verwandten seien jetzt 120 Kilometer westlich von Kiew. Dafür hätten die Tankladungen der Autos noch gereicht. Für die Strecke, für die man normalerweise eineinhalb Stunden benötige, hätten sie vier Stunden gebraucht.
Samstag, 5. März, am Abend:Anstelle eines Berichts schickt Antons Cousin Evgenij zunächst ein kurzes Video. In den 31 Sekunden sieht man zuerst nur eine Hauswand und rechts davon eine Mauer und Bäume. Erst ist Stille, dann kommen kurz hintereinander zwei Explosionen und ein Feuerschein. Die Explosionen scheinen einige Kilometer entfernt zu sein, die dumpfen Knalle lassen allerdings auf größere Bomben, Raketen oder schwere Artillerie schließen.
Samstag, 5. März, am Nachmittag:Anton schreibt, bei seinen Verwandten in dem Vorort bei Kiew sei es heute relativ ruhig. Der übliche Raketenbeschuss sei etwas weiter weg. Cousin Evgenij sitze wieder in dem Kontrollraum, von dem aus der Verkehr im Viertel überwacht wird. Evgenij achtet auf Wagen mit fremden Kennzeichen. In den Fahrzeugen könnten russische Spione und Kämpfer sitzen, um im Vorort einzusickern. Als Vorhut der Panzer.
Auf die Frage, ob der Tagesspiegel ein aktuelles Foto von der Familie bekommen könnte, schreibt Evgenij,"wir sehen alle sehr müde und fertig aus. Wir machen ein Foto, sobald wir gewonnen haben." Sind Deine Verwandten, wie Viktor schon, jetzt auch bewaffnet? Viktor hat sich ja freiwillig zur territorialen Verteidigung gemeldet...
Evgenij hat eben geschrieben, dass sie fünf Raketen in einer sehr kurzen Zeit gehört haben. Die Familie hockt im"Bunker", das ist ja das Ankleidezimmer im Erdgeschoss. Evgenij ist nicht dabei, er sitzt in einem Gebäude, von dem aus der Verkehr in ihrem Viertel überwacht wird. Evgenij kontrolliert die einfahrenden Autos, um zu verhindern, dass ein fremdes Fahrzeug reinkommt. Darin könnten russische Angreifer sitzen.
"Bin langsam kaputt", schreibt er dem Tagesspiegel. Außerdem muss er sich bei seiner Arbeitsstelle in der Unternehmensberatung um ein größeres Projekt kümmern."Aber mit den Gedanken bin ich in der Ukraine", sagt er. Eine merkwürdige RuheKurz danach meldet sich Anton nochmal. Evgenij habe ihm mitgeteilt, dass es in ihrer Gegend trotz der anfliegenden Raketen bislang keine größeren Schäden gibt. Mitglieder der Familie haben sich dennoch am Abend einen Keller angeschaut, der als Bunker dient."Allerdings sind die Bedingungen dort sehr schlimm", schreibt der Cousin,"vor allem für Kinder".
Das ist schwer zu sagen. Von dem großen Militärkonvoi der Russen, der im Norden vor Kiew stehen soll, haben sie noch nichts gehört. Evgenij sagt,"wir versuchen im Haus nicht so laut zu sprechen, um keine Explosion draußen zu verpassen. Wir müssen die Gefahr eines Einschlags abschätzen. Bei geschlossenen Fenstern können die Geräusche von draußen ein wenig gedämpft werden."Das Essen reicht aktuell noch.
Mein Vater und ich sind dahin gelaufen und konnten Kekse kaufen. Mehr gab es leider nicht. Jetzt am Abend kamen Nachbarn mit Einkäufen aus Supermärkten und gaben uns Brot. Noch nie in unserem Leben war wir so erfreut über Brot wie heute." Sonntag, 27. Februar, am Abend:Anton, wie ist die Situation heute Abend bei Deinen Verwandten in Kiew?
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